Der Hund im Dienst

Der Krieg ist die ewige Geisel des Menschen... und der Hund ist sein treuster Begleiter.  Das Buch legt beide Themen übereinander. Es stellt dar, wie Hunde stets Verwendung fanden in Krieg, Kampf und Konflikt. Die Darstellung beginnt tief in prähistorischer Zeit und endet mit dem 1. Weltkrieg.

Der Hund im Dienst

Krieg / Konflikt / Kampf

Eine Militär- und Kulturgeschichte des Hundes

Stefan Burkhart

ISBN 978-3756244584

384 Seiten

Viele Bilder

EUR 14,99

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Leseprobe: Die Geschichte von Becerillo

Einige der Killerhunde in den Händen der spanischen Eroberer Südamerikas brachten es zu großer Bekanntheit. Becerillo umwehte unter allen den größten Ruhm weit über seinen Tod hinaus und so sehr, dass über 300 Jahre später der Autor einer französischen Zeitschrift noch meinte, zwei seiner entfernten Abkömmlinge im Londoner Zoo gesichtet zu haben. Die beiden Exemplare, so schrieb er, stammten aus Kuba, wo nach wie vor diverse Nachkommen von Becerillo leben würden. Es ist nicht ganz sicher, wie wörtlich der Autor das meinte. Mit Bestimmtheit gab es keine direkte (schon gar nicht nachweisbare) Blutlinie zum echten Becerillo. Wahrscheinlich meinte er eher Hunde vom Schlage des echten Becerillo. Auf jeden Fall ließ er sich von den beiden Exemplaren in London inspirieren und beschrieb ihr Aussehen so, wie man sich heute einen deftigen Kampfhund vorstellt: »Sie haben, wie ihr berühmter Vorfahre, eine pechschwarze Schnauze, während der Rest des Fells von schönem, dunklem Rot ist. Was die generelle Form des Körpers angeht, so ähneln sie der englischen Dogge, canis familiaris anglicus. Ihr Kopf ist kurz und erinnert ziemlich an jenen der Bulldogge, außer die Front, die höher ist und von mehr Intelligenz zeugt.« (Revue des Deux Mondes, Période Initiale, 2e série, tome 1, 1833).

 

Der Bericht in der Zeitschrift erstreckte sich über mehrere Seiten und erzählte das Leben nicht nur von Becerillo, sondern auch seines nicht minder berühmten Sohnes Leoncillo, wobei der Schreiber auf nicht näher definierte Quellen spanischer Chronisten verwies, die diese beiden Hunde tatsächlich mehr oder weniger ausführlich erwähnt haben, was durchaus dazu beigetragen haben dürfte, dass sich ihr Ruhm über einen so langen Zeitraum lebendig erhalten hat. Auf der anderen Seite muss man nüchtern bleiben. Egal, wie oft und wie spektakulär Becerillo und Leoncillo ihre Pfotenabdrücke in die Geschichtsschreibung hineingedrückt haben, beide waren schon zu Lebzeiten Legenden mit all ihren Unschärfen.

 

Woher Becerillo letztendlich kam, gilt nicht als gesichert. Es könnte sein, dass er mit einer von Kolumbus' letzten Reisen nach Amerika gelangte oder etwas später, als um 1502 die großangelegte Besiedlung des neuen Kontinents mit Europäern begann. Auf jeden Fall war er im Besitz von Jean Ponce de León, einem berühmten Konquistador, der zeitweilig Gouverneur auf Puerto Rico war und später Florida entdeckte. Kurzum: Das war sicher kein Mann von Traurigkeit und wir dürfen getrost annehmen, dass er die kämpferischen Talente seines Hundes wirkungsvoll einzusetzen wusste. Der Chronist Antonio de Herrera schätzte seine Kampfkraft realistisch ein, als er in seinem Bericht über die spanischen Entdeckungen und Eroberungen in Südamerika schrieb:

 

El Perro Becerrilo es muy dañoso à los Indios.

Der Hund Becerrilo ist sehr schädlich für die Indianer.

(Herrera década I S. 196)

 

Offenbar war aber Becerillo kein blinder Draufgänger. Vielmehr beeindruckte er durch seine Klugheit, die ihn befähigte, Freund und Feind auseinanderzuhalten. Dieser Punkt ist besonders spannend für uns, haben wir doch schon an einigen Stellen gesagt, dass Hunde in Gefechten deshalb nicht großflächig einzusetzen sind, weil sie ja nicht wissen, wer Freund und Feind ist. Wo Dutzende, sogar Hunderte Soldaten im Gefecht stehen, verliert der Hund zwangsläufig die Orientierung. Wenn Becerillo nun aber diese Gabe tatsächlich gehabt haben sollte, so war er ein Ausnahmetalent. Wahrscheinlicher ist, dass er zumeist einer kleinen Gruppe von Spaniern angehörte, die ihm alle persönlich vertraut waren. Vielleicht war er mit 20, 50 oder auch 100 Mann unterwegs. Bei solchen Größenverhältnissen kann sich ein kluger Hund schon merken, wer dazugehört und wer nicht. Wenn dann ein Gefecht mit einem Indianerstamm anstand, so wäre natürlich jedem Hund spontan klar gewesen, wer hier Freund und Feind war.

 

Tatsächlich zeigte eine Episode aus Becerillos Leben genau dieses Muster: Eines nachts unternahmen die Indianer einen Überraschungsangriff auf das Lager, in dem Salazar mit seinen Männern weilte. Salazar stand unter dem Kommando von Jean Ponce de León und führte manchmal auch Becerillo mit. Die Spanier schliefen und bemerkten die Gefahr lange nicht. Doch Becerillo bellte wie wild. Salazar sprang aus dem Bett. Sofort ergriff er sein Schwert und stürzte sich, ansonsten noch ganz unbekleidet, in den Kampf. Nach einer halben Stunde waren die Angreifer niedergerungen. Auch Becerillo hatte arg gewütet unter den Feinden. 33 Indianer lagen totgebissen auf dem Platz. Doch der Rebellenführer Guarionex konnte mit einigen Getreuen fliehen. Nun setzte ihm Salazar mit Becerillo nach. (vgl. Coren S. 77)

 

Richtig legendär wurde Becerillo ironischerweise wegen seiner Sanftmut, was vor allem auf die wohl berühmteste Episode aus seinem Leben zurückzuführen ist, die in verschiednen Versionen erzählt wurde: In der Nacht lieferten sich die Männer von Salazar ein Gefecht mit dem Indianerführer Mabodomoca. Am Morgen danach saßen sie herum und warteten auf das Eintreffen des Gouverneurs, Jean Ponce de León, der nicht weit weg in einem Dorf weilte. Da hatte Salazar eine perverse Idee, um den Männern die Zeit zu vertreiben. Er rief eine alte Indianer-Frau herbei. Man gab ihr ein Stück Papier und sagte ihr, sie solle es dem Gouverneur überbringen. Die Frau lief los. Doch es war nur eine Finte. Salazar lächelte, während er Becerillo von der Leine ließ. Der Hund sprang direkt auf die alte Frau zu und fletschte mit den Zähnen, ganz wie es zu erwarten war. Blutrünstig erwarteten die Spanier das Spektakel, das sich sogleich ergeben würde, wenn er in das Fleisch der armen Frau beißen würde. Die Frau zitterte vor Angst und sank auf die Knie. In ihrer eigenen Sprache murmelte sie einen Satz, den der Chronist Antonio de Herrera so wiedergab:

 

Señor Perro, to voi à llevar esta Carta à los Christianos,

no me hagas mal, Perro Señor.

 

Mein Herr, mein Hund, ich trage diese Botschaft zu Christenmenschen,

bitte tue mir nichts, mein Hund, mein Herr.

 

(Herrera década I S. 196)

 

Daraufhin schnupperte Becerillo an ihr, hob sein Bein und urinierte in der

typischen Art, wie es Rüden tun. Ansonsten ließ er sie in Ruhe. Das Verhalten des Hundes löste bei den Spaniern großes Erstaunen aus. Zuvor hatte er nie gezögert, seine Opfer in Stücke zu reißen. Salazar rief ihn zurück. Kurze Zeit später traf der Gouverneur ein. Man erzählte ihm die seltsame Geschichte. Ging dem Mann vielleicht ein kleiner Geistesblitz durch das Gemüt? Auf jeden Fall wollte sich der Gouverneur als strammer Katholik, wie alle Spanier, nicht weniger sanftmütig zeigen als ein Hund. Er ordnete an, die Frau laufen zu lassen.

 

Wir wollen es den kritischen Sprach- und Geschichtsforschern überlassen, ob in dieser Episode vielleicht eine frühe Kritik am grausamen Verhalten von Salazar oder den spanischen Methoden generell aufblitzte. Für uns Kynologen ist die Geschichte deshalb aufschlussreich, weil sie zeigt, dass Becerillo nicht einfach eine blindwütige Bestie war, die alles totbiss. Vielmehr verfügte er über ein situatives Urteilsvermögen, das man noch heute jedem zivilisierten Diensthund antrainiert. Er vermochte zu unterscheiden zwischen kooperativen und renitenten Gegnern. Erstere konnte man pfleglich behandeln. Letztere kamen die volle Stärke seiner Beißkraft zu spüren.

 

Becerillo starb, wie man es von einem wahren Krieger erwartet - im Kampf und heldenhaft. Man schrieb das Jahr 1514. Es geschah auf Puerto Rico. Eine Gruppe spanischer Kämpfer wurde an einem Flussufer von einer Überzahl karibischer Indianer arg bedrängt. Da eilte der Hauptmann Sancho de Arango herbei... er hatte nur ein paar Getreue dabei... doch unter ihnen fand sich zum Glück die größte Hilfe... Becerillo. Der Hund sprang ins Wasser, direkt einem Feind entgegen, der sich auf dem anderen Ufer befand. Da traf ein Pfeil den tapferen Hund. Er starb im Kampf. Der Chronist Herrera verewigte die Szene in seinem Werk. Die Sache (womit er Becerillos Tod meinte) habe die Castellanos (wie sich die Spanier nannten) sehr berührt wegen der bemerkenswerten Hilfe, die der Hund ihnen leistete und die es ihnen ermöglichte, sich aus den Händen der Indianer zu retten. (vgl. Herrera década I S. 281)

Leseprobe: Preußische Kriegshunde enden im Harem

Gut genug waren die preußischen Kriegshunde aber allemal, um in der

Öffentlichkeit für viel Furore zu sorgen, nicht zuletzt im Ausland. Ein

preußischer Diplomat in Konstantinopel hatte einst dem Sultan von den

preußischen Kriegshunden erzählt. Der Sultan wollte nun die Leistungen

dieser Vierbeiner in Aktion sehen, zumal er ein eingefleischter Hundefreund

war, wie man liest. Als dieser Wunsch dem jungen Kaiser Wilhelm II

vorgetragen wurde, beschloss er in seiner »liebenswürdigen und ritterlichen

Art« (Deutscher Soldatenhort), dem Sultan drei der Hunde aus seinem

Jägerbataillon nach Konstantinopel zu schicken, damit sie dort ihr Können

präsentieren konnten.

 

Los ging's am 1. Juni 1895... und zwar (fast) pünktlich um 1.03 Uhr am

Potsdamer Bahnhof. Chef der deutschen Delegation war der Oberjäger

Bachmann, der die Hunde ausbildete und dem wir auch einen ausführlichen

Reisebericht verdanken, der im Deutschen Soldatenhort vom Sommer 1895

erschien. Tell, Franz, Ilse hießen die auserwählten Vierbeiner. Die Reise war

überaus strapaziös, einmal für die Hunde, die nur im Gepäckwagen reisen durften, dann aber auch für die Begleiter, die abwechslungsweise bei den

Hunden im Gepäckabteil ausharren mussten. Kein Wunder, hatte einer der

Vierbeiner schon bald die Schnauze gestrichen voll und desertierte auf

spektakuläre Art. Wie es im Soldatenhort hieß: »Dem Franz muß es in seiner

Kiste gar nicht gefallen haben, denn er zerbiss eine Latte und sprang zwischen

Huben und Sommerfeld aus dem in voller Fahr sich befindenden Kurierzuge

hinaus, ohne jeglichen Schaden zu nehmen.« Der Zug fuhr weiter. Erst bei der

nächsten Station telegrafierte Bachmann zum Bataillon und erzählte, was

geschehen war. Der Franz sei aus dem Zug gesprungen. Glücklicherweise

wurde der herrenlose Hund von einem Schäfer aufgegriffen, worauf man ihn

zum Bataillon nach Potsdam zurückholte. Für Franz war also die Reise an den

Bosporus zu Ende. Für die beiden anderen Hunde gings aber schnurstracks

weiter.

 

In Budapest stieg man in einen anderen Zug. Und von dort an ließ man die

Hunde sogar im Wagen zweiter Klasse reisen. Weiter ging's nach Belgrad ins

südserbische Nisch, von wo der Trupp am 3. Juni nach nur halbstündiger

Pause gleich über Sofia weiterreiste. Schließlich fuhr der Zug am 4. Juni in

den Bahnhof von Konstantinopel ein, wo der deutsche Rittmeister und

Stallmeister des Sultans, Köller, seine Landsmänner und die Hunde persönlich

in Empfang nahm.

 

In der Stadt am Goldenen Horn bewegte man sich nur per Droschke. »Zu Fuß

hätten wir uns vor dem Zulauf der Neugierigen nicht retten können«, stand im

Reisebericht. Am 12. Juni fand dann endlich die Vorstellung im Park des

Sultans statt. Der Sultan war begeistert, so sehr, dass er Oberjäger Bachmann

anbot, in die türkische Armee einzutreten, um dort ebenfalls solche Hunde

auszubilden, was dieser aber ablehnte. Wie Bachmann selbst schrieb: »Ich

bedankte mich, jedoch mit dem Vorgeben, dass mich noch ein längeres

Dienstverhältnis an mein Bataillon fessele, für die Ehre. Um keinen Preis

möchte ich auch später in türkische Dienste gehen, nachdem ich die dortigen

Verhältnisse kennengelernt [habe].«

 

Der Sultan mag von der Vorführung begeistert gewesen sein, im preußischen

Militär gab man sich weniger hunde-enthusiastisch. Wie es im Deutschen

Soldatenhort hieß, »sprach [man] sich gegen die vorläufige Einführung der

Kriegshunde, selbst bei den Garde-Jägern, aus, da noch zu viel Wichtigeres

nachzuholen sei, um an derartige Neurungen denken zu können. Damit

schließlich gab sich E[hrwürdige] Majestät dann auch zufrieden.«

Die Reise der beiden Kriegshunde endete nicht so glorreich, wie man es von

einem preußisch gedrillten Soldaten erwartet hätte. Bachmann schrieb in

seinem Reisebericht resigniert: »Aber einige Tage musste ich noch dort

bleiben, um dem Zirkusdirektor - für die Damen des Harems wird ein

vorzüglicher Zirkus gehalten, wie überhaupt der Marstall des Sultans über

1'500 Pferde zählt - die Handhabung der Hunde zu lehren. Die größte Mühe

habe ich mir zwar gegeben, aber der Herr konnte die Kommandos schwer

behalten und werden die Hunde bald nicht mehr viel können. Einen Zweck

erfüllen sie aber dennoch, denn täglich werden sie den Haremsdamen

zugeführt, die stundenlang mit ihnen spielen.« Ohne Firlefanz gesagt: Die

Diensthunde verluderten sang- und klanglos. Auch an dieser lustigen Episode

erahnen wir, dass die preußischen Kriegshunde wohl noch nicht ganz auf der

Höhe eines Einsatzes an der Front waren.