Endlich allein. Das faszinierte mich.

Interview mit Elisabeth Burkhart über ihre künstlerische Entwicklung, die vor 36 Jahren begann und noch lange nicht fertig ist.

Deine erste Ausstellung fand 1990 in Frenkendorf statt, sogar im gleichen Gebäude wie die kommende Ausstellung ab 19. September.

 

Das war sozusagen der Startschuss in meine künstlerische Karriere. Wichtig dabei: Es war eine gemeinsame Ausstellung mit Fredy Aerni. Mit ihm bin ich bis heute bestens befreundet.


Aber du warst doch auch vorher schon kreativ aktiv, oder?

Ich hatte schon immer grosse Freude daran, meine Umgebung kreativ mitzugestalten, wenngleich nicht im engen künstlerischen Sinn.

Hast du ein Beispiel?

Es gäbe viele, aber das beste und lustigste war, als ich einmal einen Spannteppich selbst häkeln wollte. Ein grosses Stück ist tatsächlich entstanden, bis sich das Projekt doch als unrealistisch herausstellte. Eigentlich ein Wahnsinn. Heute kann man darüber lachen.

Diese kreativen Impulse aus dem Alltag hast du dann in die ersten Objekte an der ersten Ausstellung eingebaut?

In gewissem Sinne schon. Aber am meisten Inspirationskraft entfalteten die Collagen von Wolfgang Hildesheimer.

Wie muss man sich das vorstellen?

Hildesheimer lebte von 1916 bis 1991. Am Beginn meiner künstlerischen Tätigkeit lebte er also noch. Bekannt war er als Schriftsteller, etwa mit seiner Mozart-Biographie, betätigte sich aber auch als Maler. Aus Resignation über die Zerstörung der Umwelt steig er aber aus der Schriftstellerei aus, ein damals heiss diskutiertes Thema. Entsprechend konsequent war sein Motto: Endlich allein. Das faszinierte mich. 

Deine ersten Kunstwerke waren entsprechend Collagen?

Dank Hildesheimer brachte ich den Mut auf, überhaupt Collagen auszustellen. Dank ihm habe ich Collagen als eigenständige Ausdrucksmöglichkeit entdeckt.

So ist es bis heute geblieben…

… nur dass dazwischen eine Zeitspanne von 36 Entwicklungsjahren liegt. Das Rohmaterial meiner damaligen Collagen waren Seiten aus der Kunstzeitschrift DU. Das war auch bei Hildesheimer so. Mein Glück war, dass ich eine Sammlung alter DU-Hefte übernehmen konnte, die ich im Atelier
stapelte. Die Jahrgänge reichten bis um 1940 zurück.

Das war in deinem ersten Atelier an der unteren Adlerfeldstrasse in Frenkendorf?

Ja. Der Ort dürfte noch einigen bekannt sein als Kunstgarage, so benannt, weil wir dort in einem Kreis von Interessierten regelmässig Anlässe zu verschiedenen künstlerischen Themen hielten.

Zurück zu den schönen DU-Heften: Du hast diese also eiskalt zerschnitten, um Rohmaterial für die Collagen zu gewinnen?

In der Tat: Gewissen Leuten standen die Haare zu Berge. Aber das hat sich gelegt: Während damals die DU-Hefte einen Kultstatus in der Szene genossen, kennen die Publikation heute viele jüngere Leute gar nicht mehr.

Bestanden die ersten Collagen ausschliesslich aus DU-Heften oder hast du das mit anderen Elementen angereichert?

An meinen ersten Ausstellungen bestanden meine Kunstwerke in der Tat nur aus Leichenteilen des DU-Heftes, was überhaupt nicht despektierlich gemeint ist. Ich liebte ja meine DU-Hefte und verhalf ihnen so zu einem zweiten Leben… wie bei einer Organspende.

Irgendwann waren die Hefte vollständig ausgeweidet.

Das ergab sich zwangsläufig. Die Frage stellte sich: woher nehme ich jetzt mein Rohmaterial?

Was war deine Antwort?

Ich begann, Papier selbst zu bemalen. Auch verliess ich das Terrain der gegenständlichen Darstellung. Kompositionen aus farbigen Flächen verliehen meinen Bildern von nun an ihr spezielles Gepräge.

Wann war das ungefähr?

Der Übergang war natürlich fliessend. Aber auf meiner Ausstellung von März 1998 in der damaligen Galerie Kunstkeller an der Liestaler Kanonengasse stellte ich nur noch Bilder mit der neuen Technik aus. Auf der Einladung stand damals: „Ich gestalte meine Bilder aus verschiedenen, meist gemalten Einzelteilen , füge Zufälliges und Chaotisches zusammen und gebe scheinbar Sinnlosem neuen Sinn.“

Wie ging die Entwicklung weiter?

Ich wurde immer autarker von fremden Rohmaterialien. Das heisst: Nun begann ich auch noch, das Papier selbst herzustellen.

Wie macht man eigenes Papier?

Ganz klassisch: Ich nahm Pflanzenfasern, legte sie in Wasser ein, gab Leim dazu und mixte das Ganze zu einem dickfüssigen Brei. Die Masse presste ich dann mit Hilfe eines Siebes zu beliebigen Formaten und diese mussten noch gepresst und getrocknet werden.


Das klingt seht technisch, anspruchsvoll, aufwändig? Wie lange ginge es bis, erstmals ein brauchbares Blatt Papier rauskam?

Es war erstaunlich einfach, aber arbeitsintensiv. Nach ein paar Versuchen klappte es schon.

Wie ging es weiter?

Es kam die Ausstellung mit dem Titel »endlich-unendlich«. Hier zeigte ich Arbeiten aus Seide, die ich von einer Frau aus der Bekanntschaft als Geschenk erhielt. Es war für mich die Konfrontation mit einem neuen Material. Und dieses neue Material eröffnete auch ganz neue Möglichkeiten im Ausdruck. Es waren im weitesten Sinne immer noch Collagen, wobei ich die Seide übermalte, was eine Struktur mit verblüffender Aussdrucksstärke ergab. Diese Bilder mit fast monochromen Farbflächen ergänzte ich mit Wandobjekten, die ich aus gefalteten Streifen aus Zeitungspapier anfertigte.

Wo befinden wir und da zeitlich gesehen?

Das war Mitte der Nullerjahre. Bestens in Erinnerung blieb mir die Ausstellung  in der Galerie 4 in Reinach 2006 und natürlich im Jundt-Haus in Gelterkinden 2007.

Damit war die Entwicklung aber immer noch nicht am Ende?

Tatsächlich, die nächste Inspiration kam von unerwarteter Seite, namentlich von unserer verstorbenen Hündin Tara. Mit ihr ging ich täglich spazieren, oft in den nahen Wald. Ich begann, Blätter verschiedenster Pflanzen mitzunehmen. Diese Materialien flossen eins zu eins in meine Kunst ein.

Wie muss man sich das vorstellen?

Zuerst presste ich nur Blätter und arbeitete sie in die Bilder ein. Anders gesagt: Das waren relativ flache, in gewissem Sinne aber doch dreidimensionale Bilder. Diese Bilder zeigte ich erstmals an einer Ausstellung in der Schüüre70 in Wintersingen im September 2021 aus.

Das war Ende der Corona-Zeit. Damit schwenken wir langsam auf die Zielgerade zur Gegenwart ein.

Genau. Im März 2024 machte ich eine neue Ausstellung, wieder in der Schüüre70 in Wintersingen. Diese Ausstellung war jetzt einer neuen Generation von Bildern gewidmet. Jetzt aber arbeitete ich noch viele andere Materialien ein, etwa Flechten, Baumrinde, Tannennadeln. Da ich diese Materialien weitgehend unbearbeitet beliess, wurde der dreidimensionale Charakter der Bilder nunmehr offensichtlich erkennbar.

Was wartet auf die Besucher an der kommenden Ausstellung vom September in Frenkendorf?

Frenkendorf ist ein gutes Stichwort. Wir sind ja im November 2024 von Füllinsdorf nach Frenkendorf umgezogen. Mein Atelier am neuen Ort ist einiges kleiner, weshalb ich keinen Platz mehr für ein grosses Inventar an Naturmaterialien habe. Ich musste mich neu orientieren.

In welche Richtung ging es?

Ich besann mich zurück auf die Anfänge. Ich produzierte wieder Collagen aus Heften, aber nicht aus DU-Heften, sondern aus der Publikation namens Landliebe. Dieses doch statisch vorgegebene Rohmaterial schränkte mich allerdings zu sehr ein. So begann ich, wiederum handgespöpftes Papier zu bemalen und dies in die Collagen einzubauen. Ich zeige aber an der Ausstellung auch einige ältere Arbeiten.